22. Juni 2010

Klaus Ernst im Interview mit der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung: "Das Kürzungspaket ist ein Schutzschild für die Reichen."

Im Vorfeld der IG Metall Großveranstaltung in Wolfsburg spricht Klaus Ernst mit der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung.

WAZ: Herr Ernst, am Mittwoch findet in Wolfsburg eine große IG-Metall-Kundgebung gegen das Sparpaket der Bundesregierung statt. Wie kam es dazu, dass Sie als Redner dabei sind?

Ernst: Die IG Metall Wolfsburg hat mich angesprochen und ich habe spontan zugesagt. Wir brauchen ein breites Bündnis gegen das ungerechte Sparpaket der Regierung.

WAZ: SPD-Chef Sigmar Gabriel wird ebenfalls in Wolfsburg sprechen. Gibt es keine Berührungsängste?

Ernst: Berührungsängste habe ich prinzipiell mit sehr wenigen Leuten. Ich bin sehr offen, wenn es darum geht, ein breites Bündnis gegen das Sparpaket zustande zu bringen.

WAZ: Kurz und knapp: Was macht dieses Sparpaket aus Ihrer Sicht ungerecht?

Ernst: Ganz einfach, die Lasten werden wieder einmal einseitig auf Arbeitnehmer, Familien und Arbeitslose verlagert. Das Kürzungspaket ist ein Schutzschild für die Reichen. Die Arbeitnehmer werden hingegen geschröpft. Wir fordern einen gesetzlichen Mindestlohn von zehn Euro, eine höhere Besteuerung der Reichen durch die Anhebung des Spitzensteuersatzes und eine Millionärssteuer, um die Einnahmen des Staates grundlegend zu verbessern. Gleichzeitig müssen die Profiteure der Krise durch eine Bankenabgabe und eine Finanztransaktionssteuer an den Kosten der Krise beteiligt werden.

WAZ: Wie wollen Sie die Pläne der Regierung verhindern?

Ernst: Wir dürfen das Sparpaket nicht nur über die Parlamente verhindern. Der Widerstand muss auch aus den Betrieben organisiert werden. Deshalb ist es wichtig, dass die große Kundgebung in Wolfsburg stattfindet, dem Standort von Volkswagen.

WAZ: Warum gelingt es Ihrer Meinung nach VW, trotz der Krise gute Zahlen zu schreiben?

Ernst: Volkswagen hat sicherlich von der Abwrackprämie profitiert. Mit der Produktpalette ist VW insgesamt gut aufgestellt. Außerdem spielt die Frage der Unternehmensmitbestimmung bei VW ja eine herausragende Rolle, davon profitieren nicht nur die Kolleginnen und Kollegen, sondern auch das Unternehmen selbst.

WAZ: Die VW-Arbeiter verdienen überdurchschnittlich gut.

Ernst: Genau! Volkswagen ist der Beweis dafür, dass eben auch dort erfolgreich gearbeitet werden kann, wo vernünftige Löhne gezahlt werden. Das ist aber nicht überall so. Deshalb fordern wir ja einen gesetzlichen Mindestlohn. Das werde ich auch in Wolfsburg zum Ausdruck bringen.

WAZ: Sie sind am Mittwoch nicht zum ersten Mal in Wolfsburg...

Ernst: Ich habe während meines Studiums ein Praktikum im Stahlwerk Peine/Salzgitter gemacht. Schon in dieser Zeit hatte ich Kontakte nach Wolfsburg und dort auch Veranstaltungen besucht. Ich habe übrigens auch mal zehn Jahre als Gewerkschaftssekretär in Stuttgart gearbeitet. In diesem Zusammenhang habe ich Ferdinand Piëch kennengelernt, der im Aufsichtsrat von Porsche saß ­ ein absoluter Autokenner, sehr kompetent, ein echter Stratege.

WAZ: Im Anschluss an die Kundgebung in Wolfsburg läuft auf Großleinwand das WM-Spiel Deutschland gegen Ghana. Wer wird Weltmeister?

Ernst (lacht): Wenn ich das wüsste, würde ich mein Geld mit der Glaskugel verdienen. Gewinnen soll, wer den schönsten Fußball spielt. Und obwohl mir deutschnationales Denken völlig fremd ist: Ich hoffe natürlich, dass am Ende die deutsche Mannschaft Weltmeister wird.

Das Interview führte Dirk Borth

 

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