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2. Mai 2011

"Linken-Chef spricht auf Mai-Kundgebung in Plauen"


020511 Kundgebung

Faire Löhne, gute Arbeit und soziale Sicherheit bildeten die Kernthemen, mit denen sich die Redner der Maikundgebung gestern auf dem Altmarkt in Plauen auseinandersetzten. Etwa 800 Teilnehmer waren dabei.

Plauen – „Wer den Kopf in den Sand steckt, wird in den Arsch getreten und sieht noch nicht mal, von wem.“ Bajuwarisch-deftig die Ansagen von Linken-Partei-Chef Klaus Ernst, der gestern vormittag auf der Maikundgebung des DGB auf dem Altmarkt als Hauptredner fungierte. Etwa 800 Menschen waren nach Angaben der Veranstalter gekommen, um zu hören, was nach Ansicht der Gewerkschaft faul ist im Staate Deutschland. Ernst war kurzfristig für den zunächst avisierten Oskar Lafontaine eingesprungen und verstand es mit seinen oft markigen Vergleichen das Publikum davon zu überzeugen, dass er dem Oskar von der Saar durchaus das rhetorische Wasser reichen kann.

Bajuwarisch-deftiger Ton

Sonnig, aber doch recht kühl gab sich der erste Mai-Tag, was jenen zugute kam, die Fahnen mitgebracht hatten, deren Botschaft sich bei aufkommendem Wind in Gänze lesen ließ. Mit Infoständen machten SPD und Linke auf ihre politischen Ziele aufmerksam, aber auch DGB, IG Metall, Verdi, attac und der Bund der Antifaschisten zeigten in der guten Stube Plauens Flagge. Verschiedene Tombolastände, ein Kinderkarrusell und ein dicht umlagerter Imbiss-Anbieter waren aber denn wohl doch etwa zu wenig, um nach der Kundgebung wirkliche Volksfeststimmung aufkommen zu lassen. Und so leerte sich der Markt anschließend auch schnell wieder – das bisschen Sonne wollten viele wohl auch noch privat nutzen.

Leiharbeit ist Schleudersitz

Nachdem der Jugendschalmeienchor musikalisch für „Kampfesstimmung“ gesorgt hatte, begrüßte DGB-Regionalvorsitzende Sabine Zimmermann die Teilnehmer, darunter wohltuenderweise nicht nur die üblichen Vertreter linker Parteien und Organisationen, sondern auch zahlreiche junge Gesichter.

Unter dem Motto „Faire Löhne, gute Arbeit, soziale Sicherheit“ standen die diesjährigen Maikundgebungen und so war es nur ein gedanklich kurzer Schritt, mit Teilzeit- und Leiharbeit hart ins Gericht zu gehen. Dass Letztere eben nicht in die begehrte Festanstellung führt, sondern eher einen Schleudersitz in erneute Arbeitslosigkeit darstellt, machte Zimmermann mit Zahlen deutlich. Etwa die Hälfte aller Leiharbeiter sei maximal drei Monate in einem vermittelten Betrieb tätig. Vom viel beschworenen Jobwunder seien lediglich die Leihfirmen betroffen, denn befristete Arbeit habe in den letzten Jahren um 40 Prozent zugenommen, und – jeder fünfte Vogtländer arbeite bereits in Teilzeit.

Wo kam Aufschwung an?

Argumentative Steilvorlagen für den Bayern Klaus Ernst, lange Jahre IG-Metallbevollmächtigter in Schweinfurt, bevor es ihn in die große Politik nach Berlin zog. Und die prangerte er denn auch wortgewaltig an. Ihn trieb vor allem die Frage um, wo denn nun der Aufschwung angekommen sei, wenn nicht bei den Rentnern, den abhängig Beschäftigten und den Leiharbeitern, von denen es in Deutschland mittlerweile fast eine Million gebe. Als würde sich ein Vegetarierclub Gedanken über die Qualität von Schweinefleisch machen, verglich er die die Bedenken der Regierung, Mindestlöhne würden die Tarifautonomie gefährden. Ordentlich Beifall auch für seine Bemerkung, dass angemessener Lohn nicht nur eine Frage des Geldbeutels sondern auch der eigenen Würde sei.

Die zur Bankenrettung investierten 480 Milliarden Euro setzte Ernst in Vergleich zu den den Hartz IV-Empfängern zugestandenen fünf Euro monatlich. Nah an die Leute kam er mit konkreten Beispielen. Wenn Unterehmerin Schaeffler auf 4,3 Milliarden Vermögen geschätzt werde, dann „muss diese Dame bei vernünftigem Lohn heute ungefähr 108 000 Jahre alt sein, um sich die Summe selbst verdient zu haben.“

Festanstellung mit 66?

Harsche Kritik übte er an den Gewinnern der Finanzkrise und der Rente ab 67. Dies würde bedeuten, dass jemand bis zu diesem Alter noch einen Job hat oder aber mit 66 von einer Firma eingestellt werde. Der zu verteilende Kuchen werde zwar größer, doch zum Verteilen sei angeblich weniger da. Ernsts Auffassung zufolge klaut also jemand die Hälfte, bevor es ans Verteilen geht. Sicher lassen sich manche Behauptungen und Argumente nicht immer sofort auf Logik und Konsequenz hinterfragen, verstanden aber fühlten sich jene , die gekommen waren und sich betroffen fühlten.

„Ich bin ein Leiharbeiter“

Unter ihnen auch Frank Wörpel, der mit seinem gelben T-Shirt und der Aufschrift „Ich bin ein Leiharbeiter“, samt hoch gehaltener Piratenflagge auffiel wie der sprichwörtlich bunter Hund. Dass er mit seinen 54 Jahren noch mal eine Festanstellung bekommt, hat er sich abgeschminkt. „Ich werde wohl bis zur Rente Leiharbeiter bleiben“, schildert er seine persönlichen Erfahrungen. Momentan arbeitet er im Drei-Schicht-System bei einem Autozulieferer. 850 Euro netto bleiben am Monatsende. „Früher, als Fassadenmonteur, hatte ich das Doppelte“, sagt er nachdenklich. 14 Jahre war er bundesweit unterwegs, bis die Gesundheit nicht mehr mitspielte. „Die 850 Euro Lohn sind gerade mal 250 mehr als ein Hartz IV-Empfänger bekommt“, fügt er an. Aus eigener Erfahrung weiß er, dass die Leiharbeitsfirmen boomen, allein 20 zählt er auf, gäbe es in Plauen. „Mittlerweile werde ich von denen angerufen und nicht umgekehrt.“ Seit drei Jahren geht das so, seine Hoffnung auf einen festen Job liegt bei Null.

Auf Straße präsent sein

Dann schließlich noch der gewerkschaftliche Platzhirsch am Mikrofon. Stefan Kademann von der IG Metall, hat trotz seines Vorredners ein Heimspiel. Erinnert an die gemeinsam geführten Kämpfe zum Erhalt von Arbeitsplätzen bei Neoplan, Narva, Wema Netzschkau und Plamag, an die Forderungen der Wende. „Wir sollten uns diesen Geist bewahren und auf den Straßen wieder präsent sein“. Und auch dafür gab’s ordentlich Applaus.

Von Torsten Piontkowski, Vogtland-Anzeiger

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