Wie wird man 1. Bevollmächtigter der IG Metall? Indem man von einer Vertreterversammlung aus den örtlichen Betrieben gewählt wird. Freilich ging noch einiges voraus: Jugendvertreter in einem großen Münchner Betrieb, Betriebsrat, Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Politik (HWP), gefördert von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, aktive Gewerkschaftsarbeit in den großen Auseinandersetzungen um Arbeitszeiten, Arbeitsentgelt, Arbeitsbedingungen und ein politisches Selbstverständnis der Gewerkschaftsarbeit.
Arbeitszeit: In der großen Streikwelle zur Durchsetzung der 35 Stunden Woche - die gestiegene Produktivität hat Arbeitszeitverkürzungen dringend nötig gemacht - hatte ich in Bayern Aufgaben übernommen, die mir die Möglichkeit eröffneten, 1995 in Schweinfurt erfolgreich zum 1. Bevollmächtigten der IG Metall zu kandidieren.
Umgeben von aktiven ehren- und hauptamtlichen Kolleginnen und Kollegen wurde vieles bewegt, weil wir auf Bewegung setzen: die Mitgliederzahlen erhöhten sich stärker als anderswo - trotz Stellenabbau. Schweinfurt setzte nicht nur auf betriebliche, sondern auf gesellschaftspolitische Themen: Schon im Dezember 2000 kam eine große Menge von Metallern/innen zusammen, um gegen die Rentenpläne der Schröderpolitik zu demonstrieren, während es an vielen anderen Stellen noch auffallend ruhig blieb. 2003 – also noch vor der Verkündung der „Agenda 2010“, dem neoliberalen Manifest Schröders, das er der SPD aufdrückte und von vielen bereitwillig geschluckt wurde – lud die IG Metall Schweinfurt Oskar Lafontaine auf eine große Funktionärskonferenz ein, die der Politik der Umverteilung von unten nach oben eine Alternative entgegensetzte als Einheitsgewerkschaft ohne keine parteipolitische Bindung war uns Norbert Blüm ebenso ein wichtiger Gastredner. Mit Jürgen Peters, dem Vorsitzenden der IG Metall, wurde vor Ort das Selbstverständnis einer aktiven, aktionsorientierten IG Metall unterstrichen
Trotzdem sind die Grenzen gewerkschaftlichen Handelns immer wieder spürbar. Ohne politische Veränderungen geraten abhängig Beschäftigte in die Defensive, insbesondere auf dem Hintergrund von mindestens 6 Millionen Menschen, denen keine adäquaten Ausbildungs- und Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Keine der Parteien, die im letzten Bundestag in Fraktionsstärke vertreten war, hatte ein arbeitsorientiertes Reformprogramm. Ganz im Gegenteil: In der SPD wurden sozialstaatsorientierte Kräfte, Gewerkschafter und kluge Intellektuelle zu Statisten einer Politik des Sozialabbaus und der Entrechtung der Schwächeren degradiert – Parteien als willfährige Vollzugsbeamte der Interessenkartelle der Reichen und der Superreichen und ihrer Verbände. Grün eiferte sozialpolitisch der FDP nach und in den C-Parteien wurde jeder christliche Anspruch in den Hintergrund gedrängt. Die PDS erschien uns als isolierte Ost-Partei.
Darum kam zur gewerkschaftlichen die politische Aktion: Partei ergreifen für die Menschen, die keine politischen Fürsprecher haben; Partei ergreifen, um ein Sprachrohr für betriebliche und gewerkschaftliche Forderungen zu entwickeln; Partei ergreifen, damit mehr Mitbestimmung, größere Wirkung von Tarifverträgen, mehr Freiheit durch soziale Sicherheit, mehr Menschlichkeit im Betrieb und im Umgang mit dem Staat, mehr Steuergerechtigkeit, mehr Schutz in sozialen Notlagen garantiert wird.
Obwohl ich nun - als Parteivorsitzender der LINKEN - mein Amt als gewählter 1. Bevollmächtigter in Schweinfurt niedergelegt habe, bin ich immer noch zuerst Gewerkschafter: mit Leib und Seele, mit Herz und Verstand.